Kurt Ausfelder
Kunst oder Chaos? Graffiti von der Berliner Mauer.  

„Deutlich unterschiedlich von den bisherigen Mauerkunstbüchern ist „Kunst oder Chaos“  konzipiert, herausgegeben von Kurt Ausfelder, einem Grafiker, der in den siebziger Jahren in Berlin gelebt hat und noch immer regelmäßig hier zu Besuch ist. Er fotografierte die Mauer in den letzten fünf Jahren und zeigt nun eine Auswahl seiner Farbaufnahmen, meist mehrere in unterschiedlicher Größe über zwei sich gegenüberliegende Seiten in abwechslungsreicher kompositorischer Anordnung, ohne Orts- und Zeitangaben, aber sehr bewusst in der Auswahl der Ausschnitte und Details. Kunsthistorisch bietet sein Buch das meiste (Anschauungs-) Material, zumal er jegliches anekdotische Beiwerk, z. B. Fotos von den Novemberereignissen, weglässt, selbst aber in seinen Kommentaren äußerst zurückhaltend ist. In seiner kurzen Einleitung umreißt er mit wenigen Worten die Mauergeschichte. ...
Ausfelder versteht die Präsentation der Graffiti als ein Erlebnis, das Offenheit und Freiheit vom Betrachter verlangt, auch den Einsatz des inneren Auges. Bildanalysen oder auch Beschreibungen habe er bewusst weggelassen, weil die „das Entstehen der eigenen Bilder durch die Phantasie behindern“ würden. Dafür setzt er auf einigen Seiten in weißer Schrift auf schwarzen Balken, die z.T. auch in die Bilder hineinreichen, in freiem Versmaß angeordnete Texte zur Geschichte und den Hintergründen der Graffitibewegung. Der zweite Teil des Buches enthält – mit reduzierter Bildbegleitung – einen kunsttheoretischen Exkurs von Heinz Mosell, Politologieprofessor, „Graffiti – Kunst auf dem Weg der Schönheit zur Öffentlichkeit“. Von Graffiti als authentischen Zeitaussagen, als ästhetische Zeichen und Zeitzeichen spannt er den Bogen zur sozialen Ortung der Kunst im allgemeinen, von der romanischen Basilika bis zur Moderne, um wieder auf Graffiti zurückzukommen, die Kunst der Straße, die „mit kleinen Einsichten und Experimenten (handelt), nicht als Götterboten auf(tritt), sondern als Meinung, die an Betonmauern festmacht, um sie auf Zukunft hin zu öffnen, die Betroffenheit anmeldet und zum Nachdenken über die Zukunft auffordert“. Das Buch enthält als ganzes diesen Aufforderungscharakter, die Anregung sich hineinzusehen in das chaotische Kollektivkunstwerk. Es nimmt im Vergleich zu den anderen vier genannten Publikationen als einziges die Graffiti ernst und macht deutlich, dass die Graffiti der Mauer ein Teil der Kunstgeschichte der achtziger Jahre in Berlin (West) darstellen.“

(Kunst am Bau, Informationsdienst des BBK Berlins Nr. 34, Mai 1991
Michael Nungesser)