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05. 11. 2004

Kurt Ausfelder

„Mensch und Hybride" – Fotovernähungen und Skulpturen

von Annegret Soltau und Baldur Greiner

Altes Schalthaus, Darmstadt

 

„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte."

Diese Aussage lässt uns vermuten, dass das begriffliche Denken gegenüber dem Bild in seinem Aussagewert präziser, aber nicht so weit reichend ist, da es nicht nur das Rationale und das Vernunftgemäße im Menschen anspricht, sondern insbesondere das Empfinden und das Gefühl. Ein einziges Bild kann in der Lage sein den ganzen Kosmos in sich zu vereinigen. Das Wort „Bild" verwende ich hier auch für bildhauerische Arbeiten wie z. B.Skulpturen. Ein Bild ist daher ein Einzelwerk, ein in sich abgeschlossenes, das aber auch zu einer Sequenz, einer Serie, gehören kann. Es ist Ausgangspunkt eines Vorgangs, der in und durch uns neue Bilder und Vorstellungen entwickeln lässt, uns in Bereiche führt, die sich nicht durch Begriffe und Wörter ausdrücken lassen.

Das Erfahren und das Erkennen durch Kunst liegen darin, dass der Mensch nicht in der Lage ist, ausschließlich rational, vernunftgemäß und materiell zu leben, auch wenn dies oft so scheint. Geist und Seele sind es, die ihn von anderen Lebewesen unter-scheiden und zu dem machen, was er ist.

Drei Ebenen bilden das Fundament, von dem aus sich aufbaut, was wir als Kunst bezeichnen. Produziert aus Materie, Geist und Seele, genutzt von Betrachtern.

Der Philosoph Franz Xaver von Baader (1765 – 1841) macht deutlich, welchen Stellenwert und welche Kraft Bilder haben können: „Bilder tun der Seele wohl. Sie sind ihre eigentliche Speise, ohne diese Speise kann die Gesundheit der Seele nicht bestehen. Wo solche Speisung nicht stattfindet, da ist Auszehrung und Wassersucht des Geistes." Der italienische Maler Dorazio äußerte sich einmal so: „Bilder sind nicht so wichtig, doch was machen Kinder ohne Bilder?" Noch zwei Gedanken von dem Psychologen C. G. Jung: „Der Mensch ist erwacht in einer Welt, die er nicht verstand und darum versucht er, sie zu deuten."Schon immer stellte der Mensch ein Bild her, um etwas besser begreifen zu können. Wir benutzen dieses Mittel, um einem anderen Menschen etwas besser zu erklären. Die Literatur z. B. hat ihren besonderen Reiz in einer bildhaften Sprache, die dadurch eine besondere Ausdruckskraft gewinnt. Sich ein Bild von der Welt und den Menschen zu machen, ist wohl die Basis für das Erkenntnisinteresse von Kunst, Religion und Wissenschaft. Der Mensch ist von Anfang an auf der

Suche nach dem, was er unter Wahrheit versteht, nach Eindeutigkeit, die in ihrer Wahrheit alles andere ausschließt.

Kunst sucht das Verbindende und nicht das Ausschließende zwischen dem Künstler und dem Betrachter, ist auf den inneren und äußeren Dialog angelegt. Künstler sind sich dessen bewusst, was C. G. Jung so formulierte: „Die Paradoxie gehört sonder-barerweise zum höchsten Gut; die Eindeutigkeit aber ist ein Zeichen der Schwäche." Diesen Satz muss man sich so richtig auf der Zunge zergehen lassen und als Anregung zu weiterem Nachdenken nutzen. Wir können uns noch so lange umschauen, wir werden kein Kunstwerk finden, das eindeutig ist. Die Vieldeutigkeit ist das wesentliche Kriterium für Kunst, im Unterschied zur Dekoration, zum Kitsch, deren Daseinsberechtigung nicht in Zweifel zu ziehen sind.

Der wohl größte Teil an Tafelbildern und Plastiken der europäischen Kunst hatte eine religiöse Funktion, aus der sich die zeitgenössische Kunst befreit hat. Das Bild hatte die Aufgabe, die „Religiöse Wahrheit" zu vermitteln. Emotionalität, Mimisches und Gestisches mit Symbolcharakter waren von besonderer Bedeutung. Das Tafelbild war ein Transportmittel.

Die Kunst der Neuzeit steht für sich selbst – mit ihren der Zeit angemessenen Erkenntnisinteressen.

Mindesten fünf Jahrhunderte der Kunst im Sinne des „Naturalismus" haben wir Gegenwärtigen hinter uns. Eine Kunst, deren Bilder die Welt in ihrem Erscheinen nachahmten. (Naturalismus als Kunstrichtung gibt es seit ca. 120 Jahren. Der preußische Hofmaler Menzel gibt mit seinen Objektstudien dazu einen guten Einblick.)

Die Erfindung der Fotografie und die Möglichkeit, die natürliche Sinneswahrnehmung durch das Objektiv wiederzugeben, entwickelten sich. Die Technik war mit ihren Mitteln der „natürlichen Wiedergabe" der Kunst voraus. Um 1900 begann eine revolutionäre Epoche – die Überwindung der Kunst des Scheins, der täuschenden Nachbildung. Paul Klee, Wassily Kandinsky, Kasimir Malewitsch, Max Ernst, Pablo Picasso, um nur einige zu nennen, stellten den Betrachter durch ihre bildnerischen Darstellungen vor schwierige Aufgaben. Ein Zitat von Paul Klee verdeutlicht diesen revolutionären Umbruch: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar." Noch heute, nach fast 100 Jahren, werden Werke der bildenden Kunst als minderwertig beurteilt, die nicht das Gesehene nachahmen. Darunter befinden sich auch Literaten und Kunstbeamte. Die Werke der Kunst sind heute nicht mehr auf die Erscheinungen der Welt reduziert. Die Kunst hat sich aus den Fängen des Konservierens von Gesehenem und der täuschenden Nachahmung befreit.

Was ist es nun, das, neben dem Paradoxon Kunst ausmacht, die nicht im Gesehenen wurzelt und doch abbildenden Charakter hat, bis hin zur Gegenstandslosigkeit.

Ästhetische Bedeutung erhält ein Kunstwerk, wenn es im Menschen Erfahrung auslöst." (John Dewey, S. 10) Und weiter: „Letzten Endes gibt es nur zwei Philosophien; die eine akzeptiert das Leben und die Erfahrung mit aller Ungewissheit und allem Halbwissen und schöpft aus dieser Erfahrung, um deren Wesen wiederum zu vertiefen und zu intensivieren – um sie somit in Imagination und Kunst zu verwandeln."
(John Dewey)

Werke der Kunst haben ihren Wert also darin, dass sie sich ein Geheimnis bewahren, dass sie im Kern unergründlich sind und doch voller Andeutung, Ahnung und Energie stecken. Ein Beispiel dafür ist die Mona Lisa.

Kunstwerke sind ein Beitrag zum Selbst – Verständnis.
Kunstwerke beschreiben nicht das, was wir als Wissen verstehen.
Kunstwerke vermitteln uns eine Ahnung von dem, was ist.
Kunstwerke vermitteln uns eine Ahnung von dem, was sein kann.
Kunstwerke sind Ergebnisse des Empfindens und Denkens.
Kunstwerke bestehen auch aus Bildern, die seit Jahrtausenden in uns gespeichert sind, gleich einer Festplatte im Computer.
Kunstwerke nehmen durch einen „Schöpfungsakt" Form und Inhalt an.
Kunstwerke verwandeln das Selbst seines „Schöpfers".
Kunstwerke fordern uns auf auch andere Facetten zu sehen als die üblichen.
Kunstwerke muss man zuerst empfinden und erst danach reflektieren.
Kunstwerke sind ein Spiegel, in dem wir uns selbst begegnen.
Kunstwerke stellen Fragen und formulieren keine Antworten.
Kunstwerke sind keine didaktischen Hilfsmittel.

Der Künstler ist Schöpfer seiner selbst, durch seine Kunst. Der Betrachter ist der Schöpfer seiner selbst, indem er über das Wahrnehmen zum Sehen kommt.

Oft verwenden Besucher einer Ausstellung mehr Zeit dafür, die Schrifttäfelchen unter den Werken zu entziffern und deren Inhalte im Werk zu suchen, anstatt das Werk durch Empfinden auf sich wirken zu lassen, um anschließend darüber nachzudenken. Dabei gehen die eigenen Bilder der Besucher oft verloren und damit auch das besonders Spannende an der bildenden Kunst.

Die hervorragendste Eigenschaft des Künstlers ist es, auf der Suche zu sein, die eigene Lebendigkeit zu finden und zu gestalten – bereit, immer wieder Neues zu erfahren und daraus zu lernen. In Bildern und Skulpturen gibt sich der Künstler preis, öffnet sich nach außen mit dem, was sein Inneres bewegt. Annegret Soltau und Baldur Greiner, ein Künstlerehepaar der Gegenwart, schaffen durch kraftvolle, auch rustikale, sensible Kunstwerke erlebbare Bilder. Nicht süßlich, nicht glatt, sondern mit Ecken, kraftvollen Linien, Rundungen, Farben und Formen, die bisweilen auch zart und hart daherkommen.

Annegret Soltau

geht bei ihren Arbeiten von ihrer Person aus und thematisiert das Frausein, das Muttersein und bezieht ihre Familie und ihren Körper mit ein. Sie ist eine Künstlerin, die eine relativ neue Technologie und Methode verwendet, die Fotografie und die Collage. Fotografien werden auseinander gerissen und wieder, unter ganz anderen Gesichtspunkten, zusammengefügt, indem sie mit groben Stichen vernäht werden und so eine neue Bildwelt ergeben. Technik und manuelles Arbeiten verbinden sich mit den Fäden, deren Linien die individuelle Struktur in das Bild einbringen. Mit ihrer ungewöhnlichen, wohl einmaligen Arbeitsweise entwickeln sich Mischwesen aus Menschen und Tieren. Mischwesen/Hybride sind das Ergebnis von Kreuzungen. Z. B begegnen sie uns schon in der Sphinx und der griechischen Mythologie.

Annegret Soltaus Arbeiten wurden schon öfter angefeindet und Ausstellungsobjekte, vor nicht allzu langer Zeit in Deutschland, zensiert. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass wir durch ihre Arbeiten große internationale Kunst sehen. Man kann auch sagen – ja gerade dies macht auch große Kunst aus, denn die Betroffenheit, die Wirkung in Ablehnung und Zustimmung fordert Betrachter und Gesellschaft.

Baldur Greiner

Auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, die Arbeiten von ihm sind gar nicht so weit entfernt von denen Annegret Soltaus wie man denkt. Und doch bieten sie uns in Form, Inhalt und Plastizität ein ganz anderes Erlebnis. Beide setzen sich mit dem Menschen auseinander. Baldur Greiner verwendet Material, das der Natur entnommen wurde – Holz. Auch wenn wir es künstlerisch bearbeitet sehen, so bleibt es doch Teil der Natur. Das oft sperrige Holz bearbeitet er mit seiner Intuition, mit seinem Denken und lässt aus einem Stück Natur ein Werk zum geistigen Gebrauch entstehen, das uns zum Empfinden und Nachdenken ebenso auffordert wie die Arbeiten seiner Frau Annegret.

Aus dem natürlichen Material, dem Holz, arbeitet der Künstler Baldur Greiner das Menschliche heraus. Die Spannweite seiner thematischen Auseinandersetzung mit dem Menschen reicht von der Mutterliebe über unendlich viele Stationen der Menschlichkeit bis hin zur Depression. Es sind Arbeiten, die mit den Erfahrungen des Betrachters in Bezug stehen und uns das Menschliche immer wieder neu erleben lassen durch Empfinden und Reflektieren.